Delhi und Ankunft in Leh
Ende August begann mein Freiwilligenjahr. In Frankfurt bestieg ich das Flugzeug allein, da meine Mitfreiwillige Lisa ihr Visum nicht rechtzeitig erhalten hatte. In Delhi gab es erst einmal eine Menge zu bestaunen. Das Auffälligste – nach der Hitze, die zusammen mit der hohen Luftfeuchtigkeit wirklich anstrengend sein kann – war der Verkehr. Es gibt zwar eingezeichnete Fahrspuren, diese werden aber komplett ignoriert; es gibt immer Stau, und es wird immer gehupt. Richtig böse ist man sich deswegen aber nie.
Das Zweite, was auffällt, sind die vielen Hunde und Kühe auf der Straße. Die Kühe werden von allen respektiert und stehen sogar mitten auf stark befahrenen Straßen. Da sie für die Hindus heilig sind, wird immer um sie herumgefahren – oder sie werden sogar an Ort und Stelle gefüttert.
Nach fünf Tagen ging endlich mein Flieger nach Leh, und ich durfte der enormen Hitze entfliehen. Dort sind es im Sommer um die 25 Grad, und die Sonne scheint den ganzen Tag. Leh ist die Hauptstadt von Ladakh, dem nördlichsten Unionsterritorium Indiens im Himalaya, hat etwa 30.000 Einwohner und liegt im Industal.

Arbeit bei LEHO
Mit der Arbeit bin ich super zufrieden. Die Organisation heißt LEHO (Ladakh Environment & Health Organization) und wurde 1980 gegründet. Ihr Ziel ist es, den Massentourismus, den Ladakh seit den 70er-Jahren erlebt, in den Griff zu bekommen und die traditionelle, nachhaltige Landwirtschaft zu stärken. Der Tourismus konzentriert sich auf wenige Hauptattraktionen, und dorthin ziehen auch viele Einheimische, weil sie damit deutlich mehr verdienen als in der Landwirtschaft. Um dieser Landflucht entgegenzuwirken, baut LEHO sogenannte Homestays in abgelegenen Dörfern auf: Touristinnen und Touristen übernachten dort und bringen Einkommen in die Dörfer.
Der größte Teil meiner Arbeit im Büro bestand bisher darin, diese Homestays bekannt zu machen: Wir stellen sie auf eine Website, gestalten Plakate und Flyer und schreiben Berichte über die Projekte von LEHO. Dafür habe ich mich in das Programm GIMP eingearbeitet.
Die absoluten Highlights sind die Fieldtrips. Im November fuhren wir nach Tangtse, wo LEHO kürzlich elf Homestays aufgebaut hat, um alle Räume zu fotografieren und die Koordinaten aufzunehmen. Auf der Fahrt überquerten wir den Chang-La-Pass auf 5.400 Metern. Ein anderer Fieldtrip führte uns nach Puga, ein Dorf auf 4.400 Metern, das vor allem aus einer Schule für Kinder von Nomaden besteht – einer der kältesten Schulen Ladakhs. Dort haben wir Wasserleitungen mit Schaumstoff isoliert, damit die Kinder im Winter länger fließendes Wasser haben.
Gelernt habe ich dabei vor allem eins: Es ist sehr wichtig zu fragen! Von allein wäre niemand auf die Idee gekommen, uns nach Puga mitzunehmen – gerne mitgenommen hat man uns aber trotzdem. Hätte ich nicht gefragt, hätte ich diese beeindruckende Erfahrung nie gemacht.
Vertretungsunterricht in der Schule
Bis zu den Winterferien Anfang Dezember waren wir vormittags in der Islamia Public High School in Leh, meist als Vertretungslehrer. Das kann ganz schön anstrengend sein, wenn man versucht, 30 bis 40 Erstklässler zu beschäftigen. Oft gingen wir mit den Kindern auf den Schulhof, und ein paar Spiele, die wir kennen, konnten wir ihnen schon beibringen. Das Beste an der Schule ist, dass man ganz viele neue coole Menschen kennenlernen kann. Mit zwei Lehrern sind wir zu einem buddhistischen Kloster gefahren und haben dort Picknick gemacht. Diese Lehrer sowie die Schulleiterin der islamischen Schule sind buddhistisch.
Und auch unter den Schülern gibt es einige Buddhisten und Hindus. Erstaunlicherweise kommen die alle gut miteinander klar und sind friedlich und tolerant und sehr respektvoll miteinander. Davon könnte nicht nur ich, sondern durchaus die ganze Welt etwas lernen.

Freizeit
Mitte Oktober kam Lisa endlich nach. Die Sonntage verbringen wir meist damit, zu Fuß die umliegenden Berge zu erkunden. Zwei buddhistische Festivals durfte ich schon besuchen, deren Kern Maskentänze der Mönche sind, die böse Geister vertreiben sollen.
Ein besonderes Highlight war ein Wochenende in den Bergen mit Zelt: Mit dem Bus fuhr ich ins nächste Seitental und lief über den Gyamtsa-La-Pass auf 4.800 Metern zurück, mit einem überragenden Blick über Leh und das Industal. Unterwegs konnte ich Blauschafe, Steinböcke und Urials beobachten – Letztere sind sehr selten.

Inzwischen ist es für solche Touren zu kalt: Ende November hatten wir morgens schon −17 Grad. Tagsüber macht die fast immer scheinende Sonne das gut aushaltbar. Mir geht es hier also super – auch wenn ich nach dem Auslandsjahr wohl erst mal keinen Reis mehr essen kann. Eine Spezialität aus Ladakh sind Momos, gefüllte Teigtaschen, gedämpft oder gebraten – super lecker!