Mitten im Bergregenwald auf 1.800 Höhenmetern, umgeben von ökologischen Kaffeeplantagen, liegt Miguel Grau. Obwohl ich erst seit vier Monaten in Peru lebe, habe ich in diesem kleinen Dorf bereits eine zweite Heimat gefunden. Mein Mitfreiwilliger Erik und ich wohnen bei der Familie Fundes.
Die Familie lebt in einem alten Steinhaus mit Wellblechdach. Mehrere Holzkonstruktionen auf dem Grundstück bieten Platz für einen kleinen Jeep, ein Atelier mit Werkzeugen sowie Schutz für Hühner und Gänse. Mein Zuhause ist das einzige Zimmer in der zweiten Etage: ein Doppelbett, ein kleiner Schreibtisch, ein selbstgebautes Holzregal und einige kleine Möbel für meine wenigen Habseligkeiten.
Bei der Familie Fundes essen wir alle Mahlzeiten, sofern wir nicht gerade in Wasserfällen baden oder bei Freundinnen und Freunden übernachten. Zum Frühstück gibt es meist Brot oder Galletas (kleine Kekse) sowie ein Ei oder Kartoffeln. Mittags wird immer Suppe serviert, danach folgt das sogenannte Segundo: Reis mit einer Beilage wie Kartoffeln, Yuca oder Ei. Ehrlicherweise sank meine Lust auf Reis und Suppe bereits nach einer Woche – doch ich habe mich gut daran gewöhnt und freue mich umso mehr, wenn ich bei Ausflügen Pizza genießen kann.
Die Kooperative Satinaki
Ungefähr 15 Minuten zu Fuß entfernt liegen der Dorfplatz und das Labor der Kaffeekooperative CACI Satinaki, bei der Erik und ich arbeiten. Die Kooperative wurde vor etwa 15 Jahren gegründet und produziert ausschließlich biologischen Spezialitätenkaffee, der nach Deutschland exportiert wird. Rund 70 Familien produzieren Kaffee und Cascara für Satinaki.
Zu Beginn bestand unsere Arbeit hauptsächlich darin, Kaffeebohnen zu mahlen, zu wiegen und sogenannte Cuppings durchzuführen. Ziel ist es, dem Kaffee anhand von Kriterien wie Geschmack, Aroma und Textur einen Score zuzuordnen, um eine gleichbleibend hohe Qualität sicherzustellen. Leiterin des Labors ist Aurelia, die immer den besten Kaffee und die leckerste Schokolade dabeihat. Die Arbeit war sehr abwechslungsreich: vom Sortieren über sensorische Verkostungen bis hin zum Tragen kiloschwerer Cascara-Säcke.

Von der Bohne zur Kamera
Bei mir kam es dann zu einem abrupten Wechsel – von der Arbeit mit der Bohne hin zur Arbeit mit Kamera, Drohne und Laptop. Michael, einer der Mitbegründer der Kooperative und Verbindungsperson nach Deutschland, war von meinem Engagement überzeugt, eine Instagram-Seite für Satinaki aufzubauen. Im Hintergrund entstand ein neues Projekt: eine Kaffeeauktion, die die Arbeit der einzelnen Cafetaleros (Kaffeebauern) würdigen und ihre Kaffees zu höheren Preisen vermarkten sollte. Weltweit gibt es nur wenige Auktionen dieser Art, und diese sollte erstmals online stattfinden.
Meine Aufgabe war es, die Auktion digital zu vertreten: mit einem professionellen Instagram-Auftritt und direktem Kontakt zu potenziellen Käuferinnen und Käufern. Die Kooperative kaufte schließlich eine neue Drohne und vertraute sie mir für den Rest meines Einsatzjahres an. Dazu gehörten Meetings, Foto- und Videoaufnahmen, Reels und die Kontaktaufnahme mit hunderten Interessierten. Es war eine große Verantwortung, bei der ich lernen musste, meine Grenzen zu setzen. Meine Kolleginnen und Kollegen haben dabei stets darauf geachtet, dass ich mir nicht zu viel vornehme. Die Mühe hat sich gelohnt: Die Auktion ist geglückt, und ich habe viel über Kundenkontakt, Marketing und Videoproduktion gelernt.
Die Meetings fanden größtenteils auf Spanisch statt. Mit dem Lernen hatte ich erst neun Monate zuvor begonnen, hauptsächlich mit Duolingo, Netflix und Büchern – und wurde positiv überrascht, wie gut ich folgen und mich einbringen konnte.

Unterwegs in Peru
Gereist sind wir viel. Bereits an einem der ersten Wochenenden besuchten wir Oxapampa, eine etwa drei Stunden entfernte Stadt, in deren Umgebung sechs weitere Freiwillige leben. Dort wanderten wir auf 4.800 Höhenmeter, gemeinsam mit dem Bürgermeister einer Nachbarstadt und Nachfahren der Inka. Wir dankten Pachamama mit Kokablättern und nahmen an einer traditionellen Zeremonie des Teilens teil, wurden spontan zum Volleyballspielen eingeladen und schliefen in Hängematten auf einer Kaffeeplantage.
An anderen Wochenenden reisten wir nach La Merced, einer etwa anderthalb Stunden entfernten Stadt und zentralem Knotenpunkt der Region. Dort erledigten wir Einkäufe und entdeckten gemeinsam mit unserem neuen Freund Wilbert verschiedene Restaurants. Wilbert ist Kindergartenlehrer an der Dorfschule und besitzt ein richtiges Herz aus Gold: In seinem Haus gibt es immer ein freies Bett für uns und in seiner Küche stets einen Teller mehr. Viele meiner Wochenenden verbrachte ich dort mit gemeinsamem Kochen, Filmabenden am Samstag und Wasserfallbesuchen oder Brettspielen am Sonntag.
Fazit
Am Anfang fühlte ich mich in der neuen Umgebung verloren, da ich an meinen Großstadtkomfort in Deutschland gewöhnt war und plötzlich sehr ländlich lebte. Ich habe schnell gemerkt, wie wichtig mir meine Familie und meine Freunde sind, und die Telefonate mit ihnen umso mehr geschätzt. Umgeben von verschiedensten Tiergeräuschen und Insekten habe ich jedoch gelernt, mit weniger glücklicher zu sein.
Ich habe gelernt, die Menschen hier zu lieben, eine zweite Heimat für mich zu entdecken und freue mich sehr auf die restliche Zeit in Peru.