Mittlerweile ist mir das Vogelgezwitscher des schwarz-gelb gefiederten Krähenstirnvogels, auf Spanisch Oropéndola crestada, vertraut. Seit knapp vier Monaten darf ich ihn schon von der Terrasse meines Hauses aus beobachten und seinem Ruf lauschen, der sich ein bisschen wie auf Wasser fallende Tropfen anhört.
In diesem Haus befindet sich mein Zimmer – nicht sonderlich groß, jedoch mit Bad, Zugang zur Terrasse, ab und zu einer Fledermaus als Gesellschaft und sogar WLAN. Essen tue ich dreimal täglich bei meiner Gastfamilie, die fünf Minuten entfernt wohnt und mit der ich gut zurechtkomme.
Das Haus liegt etwa 20 Minuten zu Fuß vom Dorf Miguel Grau entfernt. Das Dorf ist das Zentrum der Kooperative, in der ich arbeite, und liegt auf 1.500 Metern über dem Meeresspiegel im peruanischen Bergregenwald in Junín, Chanchamayo. Ungefähr 60 Kleinbauern sind Teil der Kooperative. Alle produzieren ohne den Einsatz von Chemikalien Spezialitätenkaffee, der als Pachamama-Kaffee direkt nach Deutschland exportiert wird.

Arbeit im Labor der Kooperative
Die Arbeit beginnt jeden Tag um 9 Uhr im Laboratorium, Büro und Lager, wo ich gemeinsam mit meinem Mitfreiwilligen Cyprien meistens den Arbeitstag verbringe.
Wir testen Kaffee. Dafür wiegen wir ihn zunächst ab, mahlen ihn und füllen ihn in die dafür vorgesehenen Tassen. Im ersten Schritt wird der Geruch des trockenen, gemahlenen Kaffees bewertet. Danach wird er mit kochendem Wasser aufgegossen und erneut anhand des Geruchs analysiert. Auch wenn meine Expertise hier natürlich nicht sonderlich ausgefeilt ist, kann ich zumindest bei Geschmacksrichtungen wie schokoladig, fruchtig oder nussig immer wieder Eindrücke beisteuern. Diese werden von der ausgebildeten Kaffeeverkosterin Aurelia, mit der wir die meiste Zeit im Labor arbeiten, nickend zur Kenntnis genommen und aufgeschrieben. Im dritten Schritt wird schließlich der Geschmack anhand verschiedener Kriterien bewertet.
Eine ähnliche Prozedur führen wir manchmal auch mit Té de Cascara de Café durch. Die Kaffeekirsche, die in der Kaffeeindustrie oft ein Abfallprodukt ist, wird hier getrocknet und zu Tee verarbeitet. Tatsächlich überzeugt mich der Geschmack dieses Tees sogar noch mehr als der des Kaffees. Anfang Dezember mischen wir sämtliche Cascara-Vorräte der Kooperative und bereiten sie in 20-Kilo-Tüten für den Export nach Deutschland vor.
Auf dem Feld war ich bisher dreimal, um die sogenannte „Certificación Orgánica Interna“ durchzuführen. Dabei wird überprüft, ob die Bauern den EU-Standards für organischen Kaffee gerecht werden. Im Februar kommt dann ein externer Kontrolleur.
Viel Spaß bereitet mir auch die Arbeit in der Dorfschule. Dort gibt es etwa 20 Kinder in der Primaria, also der Grundstufe von Klasse 1 bis 6. Nachdem ich anfangs nur Englischunterricht gegeben habe, unterrichte ich mittlerweile auch Musik und gebe Fußballtraining. Schon mehrfach konnte ich mit den Kindern im Musikunterricht Stücke bei kleineren Festen aufführen.
Freizeit und Lebensumfeld
Am Wochenende spiele ich oft bei Dorfturnieren mit. Anschluss habe ich vor allem durch ein Fußballturnier beim Jubiläumsfest des Dorfes gefunden, bei dem ich recht erfolgreich mitspielen durfte – eines meiner Highlights. Außerdem mache ich gerne Ausflüge, oft zu anderen Freiwilligen: Bisher durfte ich Pucallpa, Atalaya, Oxapampa/Huancabamba, Tingo María, Huancayo und das nur anderthalb Stunden entfernte La Merced sehen. Zum Schuljahresende finden viele Promociones statt, also Schulabschlussfeiern. Bei einer in Yurinaki durfte ich sogar als Pate Teil der Feier sein.

Sprache und Kultur
Nachdem ich ohne nennenswerte Spanischkenntnisse in Lima aus dem Flugzeug gestiegen bin, komme ich mittlerweile immer besser zurecht und hole nur noch selten den Übersetzer heraus.
Oft mache ich mir Gedanken über Kultur- und Mentalitätsunterschiede zu Deutschland. Irgendwie ist hier alles anders, und dennoch kommt mir das Leben und Verhalten oft ähnlicher zu dem in Deutschland vor, als ich im Vorhinein dachte.
Gibt es eigentlich so etwas wie eine allgemein andere Mentalität? An diesem Gedanken stört mich etwas, setzt er doch voraus, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft grundsätzlich unterschiedlich seien. Ich nehme auch hier wahr, dass jeder Mensch und jeder Charakter anders ist. Dennoch stimmt es wohl, dass die Menschen hier im Durchschnitt etwas gelassener, ruhiger und fröhlicher auf das Leben blicken. Ein klarer Unterschied ist die Kommunikation: Sie verläuft im Allgemeinen indirekter.
Fazit
Manchmal wünsche ich mir mehr Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen oder auch unter der Woche etwas außerhalb der Arbeit zu unternehmen. Dennoch verspüre ich beim Reflektieren über meine Zeit hier eine unglaubliche Dankbarkeit, diese Erfahrung machen zu dürfen: an einem anderen Fleck der Erde anzukommen, direkt in ein Umfeld integriert zu sein und so den Ort und seine Kultur auf eine Art kennenzulernen, wie es sonst kaum möglich wäre. Ich habe in diesen vier Monaten schon sehr viel über Kaffee, Peru und auch über mich gelernt.